Gespräch mit Dr. Nicole Wendler (Ökoprojekt MobilSpiel e.V.)
Eure Beratungsstelle zum Whole Institution Approach läuft jetzt seit etwa einem Jahr. Wie blickt ihr auf die bisherige Projektlaufzeit zurück?
Wir blicken positiv zurück. Nach den ersten Monaten, in denen wir vor allem mit dem strukturellen Aufbau der Beratungsstelle und Organisatorischem beschäftigt waren, zeigte sich dann Mitte 2025 in den Infoveranstaltungen und den ersten Workshops, dass das Interesse an Unterstützung und Beratung bei der Umsetzung eines Whole Institution Approach groß ist. Das Angebot, mit dem wir uns an alle Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche richten, wurde von Menschen unterschiedlicher Bildungseinrichtungen sehr gut angenommen.
Für alle, die den Whole Institution Approach noch nicht so gut kennen: Was bedeutet WIA für euch – und warum ist dieser Ansatz gerade für Bildungseinrichtungen so relevant?
Für uns ist der Whole Institution Approach (WIA) eine praxisorientierte Methode, um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ganzheitlich in allen Bereichen der Bildungseinrichtung sichtbar und erlebbar zu machen. Nachhaltige Bildungseinrichtungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie soziale und ökologische Aspekte als ganze Institution in den Blick nehmen. Mit dem WIA wird eine Bildungseinrichtung zu einem zukunftsfähigen Lernort, an dem Kinder und Jugendliche gemeinsam mit den Erwachsenen nachhaltige Lebensstile ausprobieren, die Verbindung zur Natur erleben, sich mit Gerechtigkeitsthemen beschäftigen, Visionen entwickeln und ihre Ideen umsetzen können.
Wie unterstützt ihr Bildungseinrichtungen konkret auf ihrem Weg zu einer ganzheitlichen Verankerung von BNE?
Bildungseinrichtungen können sich an die Beratungsstelle wenden, wenn sie sich Unterstützung bei der Umsetzung eines BNE-WIA wünschen. Neben der Beratung zu sinnvollen nächsten Schritten oder der Vermittlung von geeigneten Kontakten zu BNE-Akteur*innen bietet die Beratungsstelle vier Workshops an, die bei den einzelnen Schritten eines Whole Institution Approach praxisnah und mit geeigneten Methoden unterstützen. Die kostenfreien Workshops bauen aufeinander auf, können aber abhängig vom individuellen Stand der Einrichtung auch einzeln besucht werden. Im Mai 2026 findet eine Infoveranstaltung statt, bei der wir über die Angebote und die zweite Workshop-Runde informieren (Start Juni 2026, Anmeldung bereits möglich). Im Auftrag vorgesehen ist auch die individuelle Begleitung zweier Einrichtungen: Wir unterstützen die Münchner Kinder- und Jugendfarm Ramersdorf e.V. und die Kinderkrippe Gruithuisenstraße mit Workshops zur schrittweisen Umsetzung eines Whole Institution Approach und beraten die Teams vor Ort.
Welche Angebote und Formate haben sich im ersten Jahr besonders bewährt – und wer nutzt eure Beratung aktuell am stärksten?
Bewährt hat sich die Workshopreihe, bestehend aus vier Angeboten, von denen bereits drei sehr erfolgreich stattgefunden haben. Es nahmen jeweils rund 20-25 Menschen aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche teil (tendenziell mehr Einrichtungen mit jüngeren Kindern: Kitas, Krippen, Tagesheime, Grundschulen). Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv: die Teilnehmenden lobten insbesondere das gute Verhältnis von Theorie und Praxis, die hilfreichen Methoden und Materialien für die praktische Umsetzung sowie der einrichtungsübergreifende Austausch. Wir nehmen wahr, dass das Angebot auch BNE-Multiplikator*innen interessiert, die Einrichtungen bei einem WIA begleiten möchten, und ein entsprechendes Angebot hierzu sinnvoll wäre.
Wo seht ihr nach einem Jahr erste Veränderungen bei den begleiteten Einrichtungen im Sinne eines Whole Institution Approach?
Bei den beiden Einrichtungen, die wir individuell begleiten, aber auch bei den Menschen, die bereits an mehreren Workshops teilgenommen haben, zeigt sich, dass sich ein Verständnis für Bildung für nachhaltige Entwicklung und den WIA schrittweise entwickelt und mit jeder Umsetzungsphase das Bewusstsein für das prozesshafte Vorgehen und den ganzheitlichen und partizipativen Ansatz wächst. Sie zeigen sich sehr ermutigt, an der Umsetzung von BNE in ihren eigenen Bildungseinrichtungen dranzubleiben. Der regelmäßige Austausch alle paar Monate motiviert die Menschen, Dinge anzugehen und umzusetzen und führt dazu, dass das Thema an den Einrichtungen präsent bleibt. Strukturelle Veränderungen an den Einrichtungen brauchen Zeit, hierzu können wir erst nach Abschluss der ersten Workshoprunde Genaueres sagen.
Welche Herausforderungen begegnen euch in der Beratungspraxis immer wieder – und was habt ihr selbst im Laufe des ersten Jahres dazugelernt?
Herausfordernd für die Einrichtungen ist es, zwischen den Workshops den Prozess voranzubringen und am Laufen zu halten. Bei der individuellen Begleitung übernimmt dies oftmals die beratende Prozessbegleitung. Doch auch hier stoßen wir an Grenzen und müssen lernen Verantwortung abzugeben. In der Beratungspraxis geben wir Impulse und Empfehlungen für ein schrittweises Vorgehen an der Einrichtung, geben Beispiele für sinnvolle erste Projekte und Aktionen, betonen wichtige Aspekte wie die Partizipation, die Sichtbarkeit von BNE nach innen und außen, den Aufbau eines gemeinsamen BNE-Verständnisses und die Dokumentation des Prozesses, aber letztlich entscheiden die Bildungseinrichtungen selbst, in welchem Tempo und in welcher Intensität sie einen Whole Institution Approach zu BNE umsetzen möchten bzw. können.
Welche Rolle spielen Vernetzung und Kooperationen – zum Beispiel mit der Fachstelle BNE oder anderen Akteur*innen – für das Gelingen von WIA-Prozessen?
Für das Gelingen eines WIA-Prozesses entscheidend sind Partnerschaften, die Bildungseinrichtungen sehr konkret bei BNE-Aktionen oder Projekten unterstützen, praktisch oder auch durch finanzielle Mittel. Auch die Vernetzung im Quartier kann zum Gelingen beitragen sowie Orte, an denen nachhaltige Lebensstile oder Naturerfahrung erlebbar sind. Eine wichtige Aufgabe der Beratungsstelle ist es, den Einrichtungen geeignete Kooperationen für ihre jeweiligen Anliegen im Rahmen des WIA zu vermitteln. Hierfür können wir auf das Netzwerk BNE und die Akteursplattform BNE, aber auch auf den engen Kontakt zur Fachstelle BNE zurückgreifen. Gerade zu Beginn eines WIAProzesses sind zudem Kooperationen hilfreich, die bei der ersten strukturellen Verankerung von BNE zur Seite stehen.