Gespräch mit Katharina Koböck (agado)
„Zukunft lernen! Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Münchner Volkshochschule” ist ein Leitprojekt der BNE VISION 2030. Worum geht es dabei?
Am Beispiel der Münchner Volkshochschule (MVHS) möchten wir zeigen, wie BNE durch die Schulung von Dozierenden strukturell in Einrichtungen der Erwachsenenbildung integriert werden kann und das auch außerhalb klassischer Nachhaltigkeitsthemen. Die Dozierenden erwerben in Schulungen BNE-Kompetenzen und vermitteln diese anschließend „nebenbei“ in ihren Kursen, um Teilnehmende zu nachhaltigem Handeln zu befähigen. Die Ergebnisse sollen als Modell für weitere Bildungseinrichtungen dienen.
Welche Startbedingungen habt ihr an der MVHS vorgefunden? Ist BNE dort ein neues Thema gewesen oder gab es schon Anknüpfungspunkte?
Im Querschnittsprogramm „Nachhaltig leben“ werden seit einigen Jahren Kurse mit klarem Bezug zu Nachhaltigkeit angeboten. Auch im Kursangebot zur Weiterbildung von Dozierenden wurden bereits immer wieder Nachhaltigkeitsthemen aufgegriffen. Diese bestehenden Angebote zeugen von einer großen Offenheit der MVHS für das Thema und bildeten somit eine gute Grundlage für das Leitprojekt.
Welche Programmbereiche sind beteiligt? Wie haben sich die Teilnehmenden zusammengesetzt?
„Zukunft lernen!“ richtet sich an Dozierende aller Fachgebiete der MVHS. Bisher haben wir 41 Dozierende aus sechs von sieben Programmbereichen geschult. Dazu zählen:
- Sprachen
- Gesundheit, Umwelt & Kochkultur
- Deutsch & Integration
- Mensch, Politik & Gesellschaft
- Weiterbildung & Beruf
- Kultur, Kunst & Kreativität
Über die Schulung von Dozierenden soll die strukturelle Verankerung von BNE in die Bildungsangebote der MVHS gelingen. Was sind dabei Herausforderungen?
Die größten Herausforderungen liegen in der Kontinuität und den verfügbaren Ressourcen. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten von der Programmplanung bis zu den Dozierenden langfristig dranbleiben und kontinuierlich aus ihren Erfahrungen lernen. Gleichzeitig braucht es ausreichend Zeit und personelle Kapazitäten, um Schulungen durchzuführen und die Dozierenden individuell zu begleiten. Besonders wichtig ist es, die Schulungen so zu gestalten, dass die Dozierenden sich dazu in der Lage fühlen, BNE in kleinen Schritten mit möglichst wenig zusätzlichem Zeitaufwand in ihre Kurse zu integrieren. Zusätzlich ist es herausfordernd an einer so großen Bildungseinrichtung wie der MVHS möglichst viele Dozierende zu erreichen.
Wenn jemand noch keinen Zugang zu BNE hat, womit startet man? Mit den BNE-Teilkompetenzen? Mit BNE-Methoden? Oder mit Nachhaltigkeitsthemen?
BNE-Teilkompetenzen bieten einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema. Dozierende können diese Kompetenzen gezielt fördern, ohne BNE explizit zu thematisieren. Dazu gehören z. B. die Teilkompetenzen K1: „Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen“, K5: „Gemeinsam mit anderen planen und handeln können“ und K9: „Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können“. Ein bewährtes Mittel zur Förderung dieser Kompetenzen ist der Einsatz spezifischer BNE-Methoden. So ermöglicht etwa die Positionslinie, ein Meinungsbild innerhalb einer Gruppe sichtbar zu machen. Durch die körperliche Visualisierung von Einstellungen entsteht eine lebendige Grundlage für anschließende Diskussionen oder Reflexionen. Die Kopfstandmethode ist eine Kreativitätstechnik, bei der Probleme durch die Umkehrung der Fragestellung und das Sammeln negativer Ideen neu betrachtet werden, um daraus innovative, positive Lösungsansätze abzuleiten. Auf diese Weise lässt sich BNE als erster Schritt themenunabhängig und ohne großen Aufwand in jeden Kurs integrieren.
Im zweiten Schritt geht es darum, Nachhaltigkeitsthemen direkt aufzugreifen. Auch hier haben Dozierende die Freiheit, den Umfang selbst zu bestimmen sei es durch kurze Verweise, gezielte Aufgaben oder eine vertiefte Auseinandersetzung, immer passend zum jeweiligen Kursthema.
Das Projekt läuft noch bis Herbst 2026. Welche Bilanz zieht ihr? Worauf seid ihr besonders stolz?
Besonders stolz sind wir darauf, dass sich so viele Fachgebiete der MVHS beteiligt haben und dass alle geschulten Dozierenden BNE in ihre Kurse integrieren möchten. Einige haben dies bereits erfolgreich umgesetzt. Beeindruckend war auch zu erleben, wie Menschen ohne Vorkenntnisse oder Erwartungen das Thema verstanden und konkrete Ideen für ihre Kurse entwickelt haben.
Was braucht es aus eurer Sicht, damit BNE auch nach Abschluss des Projekts an der MVHS präsent bleibt? Wie kann es gelingen, BNE nachhaltig in einer Erwachsenenbildungseinrichtung strukturell zu verankern?
Damit BNE an der MVHS strukturell verankert wird, ist es wichtig, dass Dozierende zunächst einmal die Ziele und den Nutzen von BNE für ihre Kurse verstehen und Anknüpfungspunkte erkennen. Die Erkenntnis, dass Dozierende bereits viele Dinge praktizieren, die sie im Anschluss bewusst mit BNE-Teilkompetenzen, -Methoden oder -Inhalten in Verbindung bringen können, empowert Dozierende und motiviert sie, das Vorhaben voranzubringen.
Zudem ist es wichtig, Dozierende strukturell zu unterstützen, zum Beispiel durch eine feste Ansprechperson und regelmäßiges Feedback. Kontinuierliche, praxisnahe Fortbildungen und Möglichkeiten für fachspezifischen Austausch unter Dozierenden über Best Practice und Herausforderungen stärken die Umsetzung von BNE in Kursen von Erwachsenenbildungseinrichtungen.
Wie schätzt ihr das Transferpotenzial des Leitprojekts ein?
Das Transferpotenzial des Leitprojekts schätzen wir als sehr hoch ein. Das entwickelte Schulungskonzept lässt sich in mehrere, kleine Einheiten zerlegen und somit zum Beispiel zu einem modular aufgebauten Lernpfad abändern. Erwachsenenbildungseinrichtungen können die Schulungsinhalte und -methoden an ihre Bedarfe und Zielgruppen flexibel anpassen.